Hannover, 26.Mai 2009
www.arcvote.de hat erstmalig seine umfangreiche Datenbank zur Bewertung des Arbeitsumfeldes in deutschen Architekturbüros aus der Sicht der Architekten ausgewertet, um herauszubekommen was Architekten in Deutschland verdienen, welche Vertragsverhältnisse üblich sind, welche Rolle nachhaltiges Bauen spielt und wie Architekten ihr Gesamtarbeitsumfeld einschätzen.
Die Studie basiert auf insgesamt 540 abgegebenen Stimmen bei 325 bewerteten Büros deutschlandweit. Diese Stimmen teilen sich auf die Untergruppen Architekturstudenten, Absolventen (d.h. Architekten nach Abschluss des Studiums und vor Eintritt in eine der deutschen Architektenkammern), Architekten (Mitglied einer Architektenkammer) und freiberuflich tätige Architekten auf.
Im Gegensatz zu bereits bekannten Rankings oder Befragungen will arcvote nicht die in den Büros produzierte Qualität beurteilen, sondern das Arbeitsumfeld und die Bedingungen, unter denen diese Qualität entsteht.
Diskrepanz Wunsch und Wirklichkeit: Was Architekten in Deutschland noch verdienen können
„Wow, as an architect you can earn a fortune!“ heisst es meisstens, wenn man im Ausland davon erzählt, dass man als Architekt arbeite.
So oder so ähnlich denken wohl die meisten Nichtarchitekten und man erntet reichlich Verwunderungen, wenn man sie dann über die Realität aufklärt, die schon lange nicht mehr so ist, wie von vielen angenommen.
Anhand der arc | vote-Studie wird deutlich, dass die deutsche Architektenschaft ein „Armutsproblem“ hat, wie es die Bundesarchitektenkammer in ihrem Sozialreport von 2007 eigenst formuliert.
Absolventen der Fachrichtung Architektur - egal ob mit Fachhochschul - oder Universitätsabschluss – können mit Eintritt in das Berufsleben mit ca. 2000 – 2200 Euro Bruttogehalt rechnen. Die Spanne reicht allerdings von mageren 1300 Euro bis zu mehr als 2500 Euro. Da bleibt je nach Steuerklasse Netto nicht mehr viel übrig. Selbst das bei der Berechnung von ALG I angenommene fiktive monatliche Bruttogehalt ( bei Hochschul- oder Fachhochschulausbildung) fällt mit 2.982 Euro West bzw. 2520 Euro Ost deutlich höher aus und offenbart die Diskrepanz zwischen Soll und Ist. Das führt dazu, dass ein aus der Selbstständigkeit oder freien Mitarbeiterschaft arbeitslos gewordener Architekt unter Umständen als ALG I mehr Geld im Porte-Monnaie hat als sein angestellter, arbeitender Kollege.
Selbst Architekten mit entsprechend mehr Berufserfahrung verdienen nur ca. 2500 Euro (7,5%), 2700 Euro (5,6%) und 3000 Euro ( 5,6%). Gehälter um die 4000 Euro oder mehr sind eher die Ausnahme als die Regel, genauso wie beschämende 1000 Euro Lohn/ Monat – aber es gibt sie! Der sogenannte AIP – Architekt im Praktikum - scheint immer noch nicht ganz von der Bildfläche verschwunden zu sein.
20% möchten lieber nicht über dieses Thema Auskunft geben, sei es nun aus Angst dem Arbeitgeber gegenüber, die Info preis zu geben oder aus Scham über den eigenen geringen Verdienst.
75% der Absolventen und immerhin 53% der Architekten geben an, keine leistungsbezogenen Zuschläge zu erhalten. Überstunden werden bei Absolventen zu 60% und bei Architekten zu 50% nicht bezahlt – und das diese reichlich anfallen, dessen kann man sich sicher sein!
Bei den freien Mitarbeiter sieht die Situation nicht viel besser aus. Der Stundenlohn bewegt sich zwischen 15 – 20 Euro in Abhängigkeit von der Berufserfahrung – ein Stundenlohn den bereits so mancher Maschinenbaustudent bekommt! 8 Euro Stundenlöhne gibt es aber genauso wie den 1 Euro-Job – ein Zeichen für die vollständige Deregulierung und Liberalisierung des Architektenmarktes. Die Bundesarchitektenkammer gibt an, dass 50 Euro Stundenlohn angesetzt werden müssten, um einen Gewinn von 30.000 Euro im Jahr zu erzielen. Das entspräche einem monatlichen Bruttogehalt von ca. 2500 Euro pro Monat.
Knapp 50% der Studenten verdienen 8-10 Euro pro Stunde, 28% begnügen sich mit 2-7 Euro die Stunde und unglaubliche 10% stellen ihre Arbeitskraft gar für 1 Euro zur Verfügung! Ein glücklicher Rest von 4 % erhält immerhin bis zu 20 Euro und mehr. Überstunden werden auch bei Studenten nur bei 50% der Befragten bezahlt.
Befristet, unbefristet oder mündliche – Wie hätten Sie Ihren Vertrag gerne?
Die arc | vote-Studie zeigt, dass das Vertragsverhältnis stark von der Art der Beschäftigung, der Berufserfahrung und scheinbar auch von der Mitgliedschaft in einer Architektenkammer und der damit verbundenen Berufsbezeichnung als Architekt abhängig ist.
55% der Studenten haben befristete Verträge. Dies verwundert nicht besonders, da die Studienzeit nun mal ein begrenzter Zeitraum ist und unbefristete Verträge hier auch wenig Sinn machen würden. Was allerdings schon zum Nachdenken anregen sollte, ist die Tatsache, dass ca. 30% der Studenten nur über eine mündliche Vereinbarung verfügen.
Spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben ändern sich die Verhältnisse. 50% der Absolventen werden nur befristet eingestellt, immerhin noch 10% verfügen nur über eine mündliche Vereinbarung. Mit dem Eintritt in die Architektenkammer und entsprechender Berufserfahrung verlagern sich die Verhältnisse zu Gunsten unbefristeter Verträge. Wo die Absolventen nur ca. 40% unbefristete Verträge vorweisen können, sind es bei den Architekten bereits knapp 60%. Stellt sich die Frage, ob dies dem größeren Unabhängigkeitsbedürfnis der jüngeren Kollegen geschuldet ist, die sich am Anfang ihrer beruflichen Karriere noch nicht zu lange binden wollen oder ob die Arbeitnehmer hier wirklich andere Kriterien der Vertragsschließung an den Tag legen.
„Nachhaltigkeit“ ist angekommen, hat aber viel Ausbaupotenzial
Die arc | vote-Studie zeichnet ein hoffnungsvolles Bild für die Zukunft. Nachhaltigkeit ist anscheinend im Planungsalltag der überwiegenden Mehrheit von durchschnittlich 80% der deutschen Architekturbüros zumindest angekommen. Nur ca. 20% bescheinigen ihrem Büros, dieses wichtige Thema komplett zu ignorieren. Die Umfrageergebnisse offenbaren aber auch das immer noch riesige Potenzial in diesem Bereich.
Gut die Hälfte derer, die angeben, im Büro Nachhaltig zu planen, tun dies nur teilweise und nicht durchgängig als Teil des Gesamtbürokonzeptes. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass nur ein sehr geringer Teil der Büros, nämlich ca. 9% schwerpunktmäßig in der Altbausanierung tätig ist – einem Bereich mit unverändert hohem Energieeinsparpotenzial.
Rund 1000 Euro müssen NRWs-Uniabsolventen in Weiterbildung investieren
80 Stunden Weiterbildung in NRW, 50 Euro pro Tageskurs, plus Fahrtkosten zum Veranstaltungsort des Seminars, plus Urlaubsausfall, weil man vom Arbeitgeber nicht für die von der Bundesarchitektenkammer verordnete Pflichtweiterbildung nach Abschluss seines Studiums freigestellt wurde – da kommt einiges an Kosten auf frisch gebackene Absolventen zu. Glücklich der, der wenigstens von seinem Chef dafür freigestellt wird und nicht seinen wohlverdienten Urlaub oder das Wochenende dafür opfern muss.
Die Mehrheit der Chefs deutscher Architekturbüros hat wohl die enorme Belastung der Absolventen und Architekten durch die Weiter- bzw. fortbildungspflicht erkannt, aber natürlich auch den eigenen Nutzen dabei durch die Erweiterung der Kompetenz der Mitarbeiter. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Studie wieder: 85 % werden prinzipiell freigestellt. Der Arbeitgeber knüpft die Freistellung allerdings vor allem bei den Absolventen an Bedingungen. Gut 40% der Absolventen werden nur teilweise, dass bedeutet i.d.R. themenabhängig freigestellt. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn die Absolventen frei über die Wahl einer Veranstaltung entscheiden könnten, um so eine ihrem Profil entsprechende Weiterbildung zu erreichen. So sieht es der eigens dafür von der Bundesregierung eingerichtete Bildungsurlaub vor, der Angestellten eines Unternehmens ab 10 Mitarbeitern eigentlich zusteht. Das Problem dabei ist, dass es keine unabhängige Instanz für angestellte Architekten – z.B. in Form einer Gewerkschaft – gibt, die die Einhaltung dieser Regelungen kontrollieren könnte und zweitens, dass die überwiegende Mehrheit deutscher Architekturbüros weniger als 10 Mitarbeiter hat.
Mit 53% der Architekten erhalten zumindest mehr als die Hälfte bedingungslos den ihnen zustehenden Bildungsurlaub, allerdings müssen diese bundeslandabhängig auch nur 5-10 Stunden pro Jahr leisten – das schmerzt den Arbeitgeber naturgemäß weniger. Der Freiberufler ist in dieser Beziehung wohl des Chefs Liebling, denn er stellt die Stunden im Seminarraum natürlich nicht in Rechnung und wird dementsprechend auch zu großzügigen 80% freigestellt.
Nicht ohne meinen Rechner - Womit Architekturbüros heute arbeiten
Ohne rechnergestütztes Arbeiten geht in deutschen Büros heutzutage nichts mehr. Von CAD über 3D-Vizualisierung bis zur Projektmanagmentsoftware muss der Architekt alles im Griff haben. Pro Aufgabengebiet gibt es naturgemäß eine Vielzahl von Anwendungen – gut zu wissen, mit was eigentlich in den Büros gearbeitet wird. So kann man sich darauf einstellen und verschwendet nicht wertvolle Zeit mit der Einarbeitung in Programme, mit denen sonst kaum jemand arbeitet.
Im Bereich der CAD-Anwendungen ist AutoCAD mit rund 40-45% immer noch der Spitzenreiter, vor allem unter den Architekten, von denen viele sicherlich schon über 10 Jahre mit CAD arbeiten. Bei den Studenten zeichnet sich ein Wechsel an der Spitze ab. Vektorworks hält in dieser Gruppe mit gut 33% ungefähr genauso viele Anteile wie AutoCAD – ein Trend, den man im Auge behalten sollte. Dahinter folgen ungefähr gleichauf Nemetschek und ArchiCAD mit ca. 25%. Das von der amerikanischen Softwareschmiede Bentley angebotene CAD-Programm Microstation ist in Deutschland wenig verbreitet. Nur ca. 9% arbeiten damit.
Fotobearbeitung und Planlayout bzw. -gestaltung bleibt die Domäne von Adobe’s Photoshop. Mehr als 70% geben an, damit regelmäßig zu arbeiten. Danach kommt lange nichts – Konkurrenz ist nicht in Sicht.
Der 3D-Bereich zeigt eine ähnliche Struktur wie im Bereich CAD. Mit 3D-Studio-Max gibt es einen relativ deutlichen Spitzerreiter. 15-20% der Befragten geben an, mit dieser Anwendung zu arbeiten. Das Feld der Verfolger ist aber nicht weit entfernt – allen voran Cinema 4D. Das aus den USA stammende Sketchup holt auch auf dem deutschen Markt weiter auf, verwunderlich nur das dieses relativ neue und eher spielerisch zu bedienende Programm vor allem bei den älteren Kollegen an Boden gewinnt, während es unter Studenten noch relativ unbekannt zu sein scheint.
Auch interessant aber nicht unbedingt unerwartet. Neben den auf arcvote zur Auswahl gestellten Softwarelösungen gibt es noch eine sehr große Anzahl weiterer Programme, die zum Einsatz kommen. Das zeigt die enorme Bandbreite an verschiedensten Anwendungen, die in deutschen Architekturbüros zur Anwendung kommen. Hier zeigt sich auch der hohe Bedarf an entsprechenden Lehrmaterial, um sich schnell in neue Anwendungen oder Versionen einarbeiten zu können. Leider stellen aber nur wenige Softwareschmieden dieses Material zur Verfügung. Vor allem Videotutorials könnten dabei helfen. Meißtens beschränken sich die Hilfsprogramme oder Einleitungen aber auf Texttutorials oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen, die sich nur die wenigsten wirklich anschauen.
Fazit: Gut gelaunt und schlecht bezahlt
Trotz der bescheidenen Bezahlung, unsicherer Vertragsverhältnisse, vieler Überstunden und schwieriger Arbeitsmarktlage scheint den Architekten nicht die gute Laune zu vergehen. Sowohl Studenten als auch Absolventen, Architekten und freiberuflich tätige Architekten konstatieren zu 80% ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Kollegen.
Gegenüber dem Chef sind nur noch die Freiberufler derart euphorisch, aber auch festangestellte Architekten und Absolventen pflegen mehrheitlich ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Chef. Immerhin ca. 30% betrachten das eher neutral und nur ca. 15% beurteilen ihre Beziehung als schlecht.
Auch die Gesamtbewertung des eigenen Büros fällt außerordentlich positiv aus.
42% der Architekturstudenten und immerhin ca. 27% der Architekten – unabhängig davon, ob Absolvent, Architekt oder Freiberufler – adeln ihr Büro mit der Höchstnote 10! Danach folgt ein starkes Mittelfeld von 40-60%, die eher zufrieden als unzufrieden mit ihrem Arbeitsumfeld sind und Noten zwischen 5 und 9 vergeben. Das bedeutet, dass mehr als 85% der Architekten eher positiv als negativ in Bezug auf ihren Arbeitsplatz denken – ein erstaunliches Ergebnis, ganz im Gegensatz zu der den Deutschen oft konstatierten Miesmachereinstellung – und sicherlich auch ein Indiz für die hohe Identifizierung der Architektengemeinschaft mit ihrem Beruf.
Dieses Ergebnis bestätigt einmal mehr, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter ein komplexes System verschiedener Faktoren ist und nicht ausschließlich, wenn nicht sogar untergeordnet von den finanziellen Rahmenbedingungen abhängt.


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